Zeilenwandern

Ein surreales Zweierlei von Bernd Rosinski
Automatische Texte & Infrarotfotografien.

Die in den 1920er Jahren von den Dadaisten & Surrealisten liebgewonnene Methodik des «automatischen Schreibens» galt als Grundlage dieses Werks. Ein leeres Blatt Papier und ein gefüllter Stift liegen bereit. Man horcht in sich hinein, und von dem ersten Wort an geht es Schritt für Schritt, Wort für Wort immer weiter, ohne das Niedergeschriebene zu reflektieren. Die Gedanken sind nur bei dem nächsten Wort, ohne über das Wort nachzudenken. Es ist ein meditativer Prozess, bei dem der Geist größtmöglich zur Ruhe kommt, und irgendwann nur noch die Hand des Körpers beobachtet, wie sie ausgerüstet mit einem Stift über das bald befüllte Blatt Papier fährt. Unglücklicherweise ist das Unterbewusstsein deutlich fixer als das Bewusstsein, geschweige denn dem Körper. Den eigenen Gedanken in Echtzeit beim Schreiben hinterherzukommen ist keines der leichteren Hindernisse. Nach einer Weile tut dann die Hand weh, und sie verkrampft vielleicht sogar ein wenig. Dann muss leider Schluss sein. Entweder das, oder man merkt selbst, dass die Wörter nicht mehr von alleine kommen, sondern dass es ein bewusster Prozess geworden ist, und man sich dabei erwischt, wie man über das nächste Wort nachdenkt. Dann sollte auch besser Schluss sein, der Authentizität wegen.

Ausgleich ist wichtig, deshalb begab ich mich nach einigen Seiten irrationalem Text auf die Suche nach einem passenden Pendant. Rational betrachtet, lassen sich die Texte auf folgende Merkmale runterbrechen: surrealer Inhalt in verständlicher Sprache, meditativer Aspekt, Innenleben, Sichtbarmachen des Unsichtbaren, Wandern im Geiste. Die westliche Philosophie lebt vom Dualismus, dieser lässt sich auch überall in der Welt sehen, sollte man es wollen: Subjekt/Objekt, Innen/Außen, Ebbe/Flut, Recht/Unrecht, und & und. Absicht der Meditation ist es, diesem Dualismus zu entfliehen, eins zu werden mit sich selbst und der Umwelt. Sie findet sich in sämtlichen Religionen. Eine Art der Meditation ist die des Wanderns. Ähnliches betreibe ich auch bei der Erstellung der Texte, ich wandere im Geiste und schreibe meine Eindrücke nieder. Jeder Ast den ich zertrete, jedes Vögelchen dessen Zwitschern ich höre, die Tannen die ich rieche, die Waldbeeren die ich schmecke, und den Horizont den ich nicht mehr sehe, weil ich alles als eins sehe, wird in den Texten dokumentiert. Äußern tut sich das aufgrund der Un/Beschaffenheit des Geistes und der limitierenden Worte auf dem Blatt Papier dann natürlich anders. Nach einigen Überlegungen kam ich auf die Infrarotfotografie. Mit ihr lässt sich ein Teil des Lichtspektrums aufnehmen, den der Mensch nicht wahrnehmen kann. Dadurch wirken die Bilder etwas befremdlich. Blattgrün strahlt wie antiker Marmor. Dunst und Luftverunreinigungen verschwinden. Der Himmel färbt sich pechschwarz. Analog zu den surrealen Texten aus den Streifzügen im Inneren, entstehen hier surreale Bilder aus den Streifzügen im Äußeren. Ich bilde nicht, ich bilde ab. Das Innere und das Äußere werden eins, und dem Ziel der Meditation ist man ein Stück näher gekommen. Die erwähnten Merkmale surrealer Inhalt in verständlicher Sprache, meditativer Aspekt, Innenleben, Sichtbarmachen des Unsichtbaren, Wandern im Geiste lassen sich mit wenigen Änderungen auch problemlos auf die Infrarotfotografie übertragen. Das Wort Fotografie kommt außerdem aus dem Griechischen und bedeutet so viel wie mit Licht schreiben. Damit findet die Faust ihr Auge, schmerzlich ist es zum Glück nicht. Die Dunkelheit im Inneren wird mit dem Licht des Äußeren gekontert.

Zeilenwandern von Bernd Rosinski ist am 5. März 2021 in einer limitierten und von Hand durchnummerierten Auflage von 50 Stück erschienen.

Erhältlich im Online-Shop der guido Verlagsgruppe.